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KLEINE AUSSTELLUNG "HISTORISCHE BÜROTECHNIK"

Erika

Erste deutsche Folding.


Erscheinungsjahr: 1910

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Erika 1 (ab 1910)   Nächste Maschine>
     



 

Im Jahr 1910 brachte der Aktiengesellschaft vorm. Seidel & Naumann, Dresden eine kleine Reiseschreibmaschine auf den Markt (Kurzabriß der Unternehmensgeschichte von "Seidel & Naumann" siehe unter "Ideal A2"). Konstruktiert wurde die Portable von F. S. Rosenberg und F. Rose. Die Maschine erhielt nach der Enkelin des Firmengründers Bruno Naumann den Namen "Erika".




 
 

Die Typenhebelmaschine hatte eine dreireihige Universaltastatur mit 30 Tasten. Jeder Typenhebel hatte drei Schriftzeichen, so daß mit jeder Taste mittels der doppelten Umschaltung drei verschiedene Schriftzeichen zu Papier gebracht werden konnten. Die Typenhebel ("Schwinghebel") wurden bei Tastendruck von vorn auf die Walze geschlagen (Vorderaufschlag).




 
 

Die kleine Portable war als "Folding" gebaut. Sie hatte eine stabile Stahlkonstruktion und einen klappbaren Wagen. Zum Transport konnte der Wagen nach vorn umgelegt werden, so daß er über der Tastatur lag. Die "Klapp-Erika" konnte daher in einem kleinen Koffer verstaut und auf Reisen mitgenommen werden.




 
 

Dementsprechend wurde die "Erika" von Berufsgruppen, die viel unterwegs waren, wie Journalisten und Handlungsreisenden verwendet. Aber auch von Schriftstellern, Ärzten, Ingenieuren und sonstigen Freiberuflern, Handwerkern und Kleingewerbetreibenden und auch von Privatleuten wurde sie gern benutzt. Der Verkaufspreis der "Erika 1" lag bei 185 Mark.




 

Die Maschine hatte noch eine manuelle Farbbandumschaltung. Wenn eine Farbbandspule leer war, mußte die darüber befindliche Stellschraube festgezogen werden und die Stellschraube der vollen Spule gelockert werden, wodurch das Farbband nunmehr in die entgegengesetzte Richtung lief und von der leeren Spule aufgespult wurde.


(Abbildungen rechts: Ausschnitte aus einer alten Gebrauchsanleitung zur "Erika")





 
 

Von Modell 1 der "Erika" wurden nur um die 3.000 Maschinen hergestellt, noch in 1910 folgte Modell 2, später die Modelle 3 und 4. Die Gesamtanzahl der hergestellten dreireihigen "Erika" belief sich auf etwa 90.000 Maschinen. Ab Modell 5, das 1927 erschien, wurde die "Erika" mit vierreihiger Tastatur und nicht mehr als Folding gebaut. Bis Modell 10, hergestellt bis 1953, wurden bereits mehr als 1,7 Millionen "Erika"-Schreibmaschinen verkauft. Während der gesamten Zeit des Bestehens der der DDR (1949-1990) wurde die "Erika" weiter produziert. Am 28. August 1991 wurde die letzte "Erika" gefertigt, dann wurde die Produktion eingestellt.




 



 

Die hier vorgestellte frühe "Erika" mit der Seriennummer 759 stammt aus dem Besitz eines "Prominentenzahnarztes", geboren um 1860, der in Heidelberg lebte und praktizierte. Der Heidelberger Zahnarzt, der Patienten bis England hatte, hatte eine der ersten "Erika", Baujahr 1910 erworben und zur Erledigung seiner Korrespondenz genutzt. Nach seinem Tod Ende der 1940er Jahre wurde diese "Erika" mehrmals vererbt und wanderte im Lauf der Zeit von Heidelberg nach München, dann nach Niederbayern und schließlich nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Eine Besonderheit ist der schöne Holzkoffer mit Jugendstil-Beschlägen, in dem die Maschine untergebracht war.


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Die Geschwister Hans und Sophie Scholl, die am 18.02.1943 als Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" an der Münchener Universität gegen Hitler gerichtete Flugblätter auslegten, benutzten zum Schreiben von Adressen eine "Erika". Zur Anfertigung von Wachsmatrizen zur Vervielfältigung verwendeten sie eine "Remington Portable", die ein Freund Hans Scholls von dem in Wien geborenen SS-Mann Karl Pötzl geliehen hatte. Beide Schreibmaschinen wurden am 19.02.1943 von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) als "Tatwerkzeug" beschlagnahmt (Technau, Scholls Schreibmaschine). Bereits wenige Tage nach ihrer Festnahme, am 22.02.1943, wurden die Geschwister Scholl vom Volksgerichtshof unter Roland Freisler zum Tod verurteilt und noch am selben Tag im Gefängnis München-Stadelheim zusammen mit Christoph Probst mit der Guillotine hingerichtet.


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Die "Erika" ist auch Gegenstand der Belletristik geworden. In dem Roman "Der Sommer der Freiheit" von Heidi Rehn (Knaur 2014), der in der Zeit um den Ersten Weltkrieg spielt, möchte eine der Hauptfiguren der Handlung, die junge Ingenieurin Constanze, eine eigene Reiseschreibmaschine konstruieren. In diesem Zusammenhang untersucht sie die damals in Deutschland auf den Markt gekommenen Maschinen "Erika" und "Perkeo" auf Verbesserungsmöglichkeiten, die ihrer Idee zum Erfolg verhelfen könnten.




 
Erika 1 (ab 1910)    
     
     
     
   
     
     



 

Maschinendaten:
Bezeichnung: Erika
Technik: Typenhebelmaschine mit Vorderaufschlag und doppelter Umschaltung
Besonderheiten: Zusammenklappbar (Folding)
Erscheinungsjahr: 1910
Hersteller: Seidel & Naumann, Dresden
Konstrukteure: F. S. Rosenberg, F. Rose
Seriennummer: 759
Baujahr: 1910


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Weitere Schreibmaschinen von Seidel & Naumann: Ideal A2, Ideal A4, Ideal B, Ideal D, Erika 3
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Quellen: Kunzmann, Hundert Jahre Schreibmaschinen im Büro, Merkur-Verlag, Rinteln 1979; Internetseite www.dresden-wissenschaft.de 2005; Dingwerth, Die Geschichte der deutschen Schreibmaschinenfabriken, Band 1, Verlag Kunstgrafik Dingwerth GmbH, Delbrück 2008; the typewriter database, www.tw-db.com 2012; Technau, Scholls Schreibmaschine, Weiße Rose Arbeitskreis Crailsheim e.V., www.weisse-rose-crailsheim.de 2012; Kwauka, Die Schreibmaschinen - Katalog und Dokumentation der Museumssammlung, Technische Sammlungen der Stadt Dresden, 1. Aufl. 2001

(172S100260-0412-30.04.2012-0512-0612-1212-0714-0916)




 

- Sammlung Arnold Betzwieser -




 

(1013-1-4927)